[Berlinale] Spuren verwischen – oder doch nicht?

Zwischen allen Möglichkeiten im Umgang mit einem Nachlass – Filmempfehlung: „Spuren von Bewegung vor dem Eis“ von René Frölke, Weltpremiere 2024, 74. Berlinale (Forum)

Carolin Weidner (Sichtungsteam1 Berlinale 2024) interviewt Regisseur René Frölke nach der Filmvorführung in der Betonhalle des Silent Green (Foto: Jana Noritsch)

Wird am Ende alles zu Staub? Was bedeutet das Gebliebene, das Material, die Objekte, all das, was wir Menschen hinterlassen? Der Film behandelt keine geringere als die große Frage nach dem Sinn des Lebens bzw. nach dem, was davon übrigbleibt – und schließt direkt die nicht weniger komplexe Nachlassfrage an.
Ist ein Nachlass dann von Bedeutung, wenn er einigen Menschen noch Freude oder Schönheit geben kann? Ihnen – zuerst den Erben – etwas über sich selbst erzählen kann? Hinter der Beschäftigung mit einem Nachlass stecken zumeist tief persönliche Beweggründe.
René Frölke visualisiert seine Fragestellung poetisch durch die immer minimalistischer werdenden Zeichnungen von Transkripten, die am Ende des Films nur noch wenige, lose Linien sind …, unten mehr dazu.

Kurz zum Plot des fragmentarisch-dokumentarischen Films:
Schweiz: Die Journalistin Gladys Weigner war verheiratet mit dem Maler und Aquarellisten Fritz Weigner2. (Im Film sehen wir ihn unter anderem bei der Arbeit an »Die Propheten« und lernen seine Kirchenfenster kennen.) Fritz‘ Freund Bernhard Moosbrugger (Fotograf) und Gladys Weigner gründeten 1971 in Zürich den Pendo Verlag. Das Wort ‚Pendo’ (Swahili) bedeutet Liebe und Verständigung. 1998 wurde der Verlag abgegeben. Etwa zwanzig Jahre später beginnt Tochter Tessa (Jazzpianistin) die Aufarbeitung, „zeigt sich [die] Geschichte [des Verlags] personifiziert durch Nachfahrin Theresia Weigner und ihrem Lebensgefährten, die dieses Erbe in all seiner Schwere immer wieder umkreisen, sichten und auch wieder verlieren. Hier werden Erinnerungspartikel gestapelt, gepflegt, verstaut. Restauflagen, nicht mehr druckfrisch, aber originalverpackt, nicht mehr realisierte Manuskripte, Umschlagentwürfe, Tonkassetten, Büroartikel, Korrespondenzen, Steuerunterlagen liegen wie in einer Zeitkapsel bereit: Bücher von Margarete Mitscherlich, Dorothee Sölle, Dom Hélder Câmara, Bildbände über Robert Lax oder das Sieltal.“ (Zitat Berlinale-Pressetext) TRAILER → https://vimeo.com/joonfilm/tracesofmovementtrailer

Wir stolpern, geführt von 16-mm- und 8-mm-Kameras, durch die unzähligen Stapel, Kisten und Taschen durch die Hinterlassenschaften des Pendo Verlags, Fotoalben, Tonbänder, Manuskripte, Zettel mit lose notierten Namen. Im ersten Teil des Films kann die Mutter, Gladys, noch Fragen beantworten oder ihrer Tochter zumindest zuhören. Dann verstirbt sie. Und wir hören Tessa sagen, sie habe sich früher keine Zeit genommen, das alles mit ihrer Mutter zu besprechen.
Und ebenso transportiert der Film recht typische Erzählmuster, wenn es an die Erinnerungen geht, zurück in die eigene Kindheit: Behauptung Überlegung Zweifel Revision oder „Ach, ich weiß nicht mehr so genau.“ Im Grunde fragt der fragmentarisch rhythmisierte Film auch, ob es eigentlich von großer Bedeutung sei, wie es nun alles ganz genau war?

Der Einstieg zu Beginn des 89-Minüters eröffnet folgende Haltung:
„Dies aber gilt für jeden, der in der Welt Spuren hinterlassen möchte: Wenn du an eine unpassierbare Stelle gelangst, so denke daran, dass die von dir hinterlassene Spur diejenigen, die dir folgen, in die Irre führen könnte. Kehre also um und verwische die Spur deines Weges.“
Wann ist ein Wegstück eine unpassierbare Stelle? Und: Ist dann (noch) Zeit, Spuren zu verwischen?

Nachdem sich der Vorhang hebt, entlocken Carolin Weidner und einige aus dem (Fach-) Publikum René Frölke die eine und andere Hintergrundinformation.
Insgesamt stecken viele Monate Transkriptarbeit in dem Film. René Frölke beschreibt seine Arbeit an dem Film, inmitten des vorgefundenen Chaos‘ und geht dann konkreter auf sowohl die Transkription der verschiedenen filmischen Textebenen ein als auch sein poetischer Umgang mit der Auflösung: „Die Chronologie [in den Zettelstapeln] ist auch komplett abhandengekommen, aber es gab so ungefähr 20 Hefte von einer Vorlesung, die beginnt in den frühen 40er Jahren, ein katholischer Arbeitskreis, und ich habe mir die Aufzeichnungen [von Fritz Weigner] des Wintersemesters 1943/44 ausgewählt. Allein, weil ich es interessant fand, dass in dieser Zeit jemand in Zürich sitzt und dann sich Gedanken über Willensfreiheit und diese ganze mittelalterliche Scholastik macht. Ich wollte einfach erst mal genau wissen, was steht da drin? Und so hab ich das angefangen, erst mal abzuschreiben, und das wurde dann immer mehr. Dann habe ich versucht, diesen Text nachzubilden und habe irgendwann gemerkt, ich muss auch diese ganzen Linien nachzeichnen und zwar relativ genau. Und daraus ist wiederum eine eigene Ebene in dem Film entstanden. Am Ende bleiben nur diese Linien übrig von diesem ganzen Schreiben, von dieser ganzen Arbeit, die er [Fritz] da geleistet hat. Ja, das hat, weil ich noch alles von Hand abgeschrieben habe und nicht mit einer Texterkennung machen wollte, sehr lange gedauert. Ein-, zweimal im Jahr bin ich hingefahren, um dort zu arbeiten und dann kam wieder ein neuer Ton dazu. So ging das immer weiter, dieses Transkript.“

An einer Stelle wird der Filmemacher selbst in „Spuren von Bewegung vor dem Eis“ sichtbar und die Frage nach dem Warum beantwortet er wie folgt:
„An dieser Stelle finde ich das Spiel schön: Da ist vorher der Text: ‚Denn sehend sehen sie nicht und hörend verstehen sie nicht.‘. Das ist so die Idee oder meine Haltung: Man macht ein Porträt über Menschen, aber letzten Endes kann es nur scheitern und unvollständig sein. Es ist nur meine subjektive Objektivität. Ein doppeltes Spiel. Und an und für sich finde ich es auch irgendwie gut, selbst einmal sichtbar zu sein – an der Stelle fand ich es sinnvoll für mich.“ Ja, das ist ein wichtiges Element inmitten der aufgezeigten narrativen Ebenen, der Subjektivität!

Ein besonderer Film über das Leben und das Bleibende, durch seine vielen Textebenen, seine Fragmenthaftigkeit, die nicht die eine Lösung vorschreiben will, das Zelluloid, die Bolex.

„Spuren von Bewegung vor dem Eis“ von René Frölke, Weltpremiere 2024, 74. Berlinale (Forum) Deutsch, Englisch, Französisch, Schweizerdeutsch, Untertitel: Englisch.

RegieRené Frölke
BuchRené Frölke, Ann Carolin Renninger
KameraRené Frölke
MontageRené Frölke
MusikTessa Weigner
Produzent*inAnn Carolin Renninger

Siehe auch: Produktion joon film, Munkbrarup, Deutschland, joonfilm.de

René Frölke:
1978 in der DDR geboren, arbeitet seit mehreren Jahren als freiberuflicher Editor, Kameramann und Regisseur. 2007 nahm er ein Kunststudium in Karlsruhe auf, welches er 2012 abbrach. Als Editor arbeitete er u.a. mit Thomas Heise (u.a. Material), Kristina Konrad (Unas preguntas), Lucia Bauer (Maman Maman Maman) sowie mit Max Linz (Ich will mich nicht künstlich aufregenWeitermachen Sanssouci). Seit 2010 realisierte er mehrere eigene Filme, u. a. Le beau danger und Aus einem Jahr der Nichtereignisse (Co-Regie Ann Carolin Renninger), die im Forum der Berlinale zu sehen waren.
Filmografie: 2007 Jour de grève; 14 Min. 2008 Ropinsalmi; 12 Min. 2010 Führung (Guided Tour); 37 Min., Forum Expanded 2011 · Von der Vermählung des Salamanders mit der grünen Schlange; 94 Min. 2012 Jeremy Y. call Bobby O. oder Morgenthau Without Tears; 84 Min. 2014 Le beau danger; 100 Min., Berlinale Forum 2014 2017 Aus einem Jahr der Nichtereignisse (From a Year of Non-Events2024 Spuren von Bewegung vor dem Eis (Traces of Movement before the Ice); Dokumentarfilm. (Stand Bio- & Filmografie: Berlinale 2024)

Text: Jana Noritsch (Bureau verso)

  1. https://www.arsenal-berlin.de/news/wir-stellen-vor-das-forum-sichtungsteam-2024/ ↩︎
  2. Fritz Weigner (1913 – 1974) besuchte von 1928 bis 1932 die Kunstgewerbeschule in Zürich. Fritz Weigner war Maler, Zeichner, Glasmaler und Gestalter großer Wandbilder. Von Fritz Weigner stammen u.a. die Glasfenster der katholischen Kirche St. Blasius am Bichelsee, der Kirche St. Maria Königin Sittersdorf und der Pfarrkirche zum Unbefleckten Herzen Mariä in Schellenberg FL. ↩︎

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