Bewegtheit des Selbst – drei Künstlerinnen im Dialog: Kügler, Haslinger, Cahn (Berlin)

In der sehenswerten Ausstellung „Hinter Deinem Schatten“ korrespondieren Arbeiten von Martina Kügler und Nschotschi Haslinger mit Werken von Miriam Cahn: in der Galerie Mountains in Berlin-Mitte

Ausstellungsansicht Hinter Deinem Schatten, Mountains, Berlin, 2024. Wandarbeiten (L–R): Miriam Cahn, Nschotschi Haslinger, Martina Kügler, Miriam Cahn, Martina Kügler. Bodenarbeiten: Nschotschi Haslinger. Mit freundlicher Genehmigung der Künstler:innen, Freundeskreis Martina Kügler, A Private Collection Frankfurt, Exile Gallery Wien und Mountains, Berlin. Photo: Julie Becquart
Ausstellungsansicht Hinter Deinem Schatten, Mountains, Berlin, 2024. Wandarbeiten (L–R): Miriam Cahn, Nschotschi Haslinger, Martina Kügler, Miriam Cahn, Martina Kügler. Bodenarbeiten: Nschotschi Haslinger. Mit freundlicher Genehmigung der Künstler:innen, Freundeskreis Martina Kügler, A Private Collection Frankfurt, Exile Gallery Wien und Mountains, Berlin. Photo: Julie Becquart

Ganz im Sinne des Galeriekonzepts verbinden sich in „Hinter Deinem Schatten“ jüngere mit arrivierten Positionen. Generationsübergreifend kontextualisiert sich hier der Themenkomplex Körper und Sexualität durch die Beiträge von Nschotschi Haslinger (*1982 bei Köln), Miriam Cahn (*1949 in Basel) sowie Martina Kügler (*1945 in Schlesien, †2017 in Frankfurt/Main).

Miriam Cahn1 ist 1949 in Basel geboren, lebt und arbeitet in Stampa, Graubünden, Schweiz. Ihr Œuvre umfasst Malerei, Zeichnung, Performance, Film und Text. Lesen Sie beispielsweise ihre bemerkenswerte Romanskulptur „essen müssen“2! Zu sehen waren ihre Arbeiten in zahlreichen internationalen Ausstellungen gezeigt wie der documenta 14 (2017), der Sydney Biennale (2018) und der Venedig Biennale (2022). In diesem Jahr erhielt sie den renommierten Kaiserring zu Goslar; die dazugehörige Kaiserringausstellung eröffnet im Oktober im Goslarer Mönchehaus Museum und wird auf Miriam Cahns Wunsch vom diesjährigen Laudator und Direktor des Pariser Museums für Moderne Kunst, Fabrice Hergott, kuratiert3.
Nschotschi Haslinger4 wurde 1982 bei Köln geboren und war Meisterschülerin bei Prof. Walter Dahn in Braunschweig. Sie arbeitet hauptsächlich in den Medien Zeichnung und Keramik, sowie mit Performance, Audio und Installation. 2019 bspw. gab es die Performance mit Lou Hoyer und Anna Steinert „Gedanken einer Verliererin“5, Eigen + Art Lab. Haslinger lebt und arbeitet in Berlin.

Still aus: Performance Nschotschi Haslinger mit Lou Hoyer und Anna Steinert „Gedanken einer Verliererin“ 2019.
Still aus: Performance Nschotschi Haslinger mit Lou Hoyer und Anna Steinert „Gedanken einer Verliererin“ 2019.

Einer Arbeit von Martina Kügler entspringt der Ausstellungstitel „Hinter Deinem Schatten“.
Die Frankfurter Künstlerin Martina Kügler6 entwickelte sich zu einer der autonomsten Positionen, deren Stärke besonders in den Siebziger- und Achtzigerjahren zu Ansehen gelang. Ihr Œuvre schenkt uns gnadenlos die Bewusstwerdung des „Ich“, die Vergegenwärtigung der Suche und der eigenen Verortung – in aller Bewegtheit des Selbst und oft ekstatischer Aufruhr.
Zeichnungen mit Bunt-, Blei-, Filz- und Radierstiften, mit Aquarell, (Öl-)Kreide und Pastell, reichhaltig an Schrift, bestimmen neben Ölmalerei, Collage und Poesie vorrangig ihr Repertoire. Sie hat faszinierende Einlinienbilder geschaffen. In den Nullerjahren findet sie mit Farbwalzen und kräftigen Strichen einen neuen, stärkeren Duktus. In verschiedenen Serien arbeitete Martina Kügler zu existentiellen Sujets wie Leben, Traum, Eros und Tod, wobei sie hier das Gefangen- und Freisein, Zusammen- und Alleinsein – mal mit sensiblem, mal mit offensiv-provokantem Strich – umsetzt.
Das sichere Farbempfinden entwickelte sie während ihrer Ausbildung zur Lithografin, bevor sie von 1966 bis 1972 Kunst bei Johann Georg Geyger und Karl Bohrmann an der Frankfurter Städelschule studierte. Martina Küglers Figuren und Narrationen setzt sie auf den Blättern zumeist ohne Hintergrund – allerdings nie im freien Fall: durch ihre perspektivische Komposition der Figuren imaginieren diese den Bildraum. Die Künstlerin offenbart in ihren Arbeiten Träume, aber auch Erfahrungen, ohne dass diese konkreter Verortungen bedürften. Selbst in den großformatigen Malereien auf Leinwand, bei denen es sehr wohl mehrere farbige Bildebenen gibt, überlässt sie die Räumlichkeit der Fantasie der Betrachter:innen. 1975 ist sie Teil von Harald Szeemanns Ausstellungsprojekt „Les Machines Celibataires“ („Junggesellenmaschinen“; vgl. übergeordnet Szeemanns „Museum der Obsessionen“), das an neun Orten gezeigt wurde, u.a. der Biennale Venedig, dem mumok in Wien, der Kunsthalle Bern und dem Stedelijk Museum in Amsterdam. Szeemanns7 große Kunstausstellung diskutierte die damals massiven technischen und gesellschaftlichen Umwälzungen. Die „Junggesellenmaschinen“ waren – und bleiben – Synonym für den Protest des individuellen Geistes gegen das mechanische und mechanisierende Denken.

Martina Kügler: „Abschiednehmender mit Penisdops“ (1975), Bunt-, Blei- und Radierstift auf Papier © http://www.a-private-collection.com und Galerie Mountains, Berlin

Die Arbeiten der offenen, immer am Kunstgeschehen ihrer Zeit interessierten Künstlerin lernte ich zuerst in Frankfurt am Main und dann in Berlin kennen: Ob Sexuelles, Skurriles („Abschiednehmender mit Penisdops“), Träume („Der Schlaf“), der Kampf gegen Eingesperrtsein („melting head“) und Verletzung, ob die Verwurzelung des auf die Erde gefallenen Mondes („Durch Mondmann wächst ein kosmischer Baum“ 1989; Galerie Strelow) oder all die klar europäischen („Die Gebetsmühle“ 1989, Strelow), aber auch lateinamerikanisch-spirituell visualisierten Wesen („Die Höflichkeit eines Bankangestellten“ 1979 oder auch „Los dios del la muerte“ 1972; bei Tyrown Vincent a private collection) mit zum Teil nach innen gerichteten Händen und Köpfen. Der Kunstsammler Tyrown Vincent entdeckte das Œuvre vor einigen Jahren, begann zu forschen, pflegt und bewahrt, zeigt und vermittelt. Ein anderer Sammler, der Martina Kügler lange kannte, Hans-Jürgen Döpp, und Kügler beizeiten in die Tiefe gesammelt hatte, und sie über ihren Tod hinaus fördert, hielt die Grabrede: „Dein Leben selbst war ein Hochseilakt, und wenn man abstürzte, dann ganz. Doch Du wahrtest – durch Deine Begabung zur Kunst – die Balance und konntest über all die Jahre das Gleichgewicht halten. Das geben auch Deine wunderbaren Collagen zu erkennen: Du bist eine meisterhafte Jongleuse der Farben und Formen, der es gelungen ist, auch die Gegensätze immer wieder zur Einheit zu bringen. Der Zeichenstift war Dein Lebensmittel, die gezeichnete Linie Dein Lebensnerv.“ (Auszug)8 Alle, auch der Freundeskreis der Künstlerin, haben begonnen, Arbeiten zu inventarisieren, ein umfangreiches Werkverzeichnis soll entstehen. Martina Kügler hatte besonders zu Zeiten, in denen ihre Mutter weniger Einfluss auf sie hatte, sehr gut verkauft – von Paris bis München und von Frankfurt bis in die Schweiz. Ansonsten hielt die Mutter das Werkkonvolut zurück, aus Sorge, dass sich die Künstlerin unter Wert verkaufe.

Martina Kügler, o. T., 1979, Graphit und Öl auf Leinwand, 100 × 80 × 2 cm, mit freundlicher Genehmigung Freundeskreis Martina Kügler und Mountains, Berlin [Galerie Mountains: Weydingerstraße 6, 10178 Berlin]

Nun ist ein Teil dessen erneut in Berlin zu sehen! Und tritt in einen fantastisch kuratierten Dialog mit den Werken von Haslinger und Cahn.

Erweiterte Öffnungszeiten während der Berlin Art Week: Mittwoch, 11. September, 12–18 Uhr, Donnerstag, 12. September, 12–18 Uhr, Freitag, 13. September, 12–18 Uhr, Ausstellungseröffnung Freitag 18–22 Uhr, Samstag, 14. September, 12–18 Uhr, Sonntag, 15. September, 11–18 Uhr
Mountains ist eine Galerie für zeitgenössische Kunst und wurde im August 2019 von Markus Summerer und Klaus R. Voss gegründet. Herzlichen Glückwunsch zum fünfjährigen Bestehen!

Text: Jana Noritsch


  1. Weitere Informationen und CV finden sich auf https://miriamcahn.com/ ↩︎
  2. https://miriamcahn.com/romanskulptur-essen-muessen-2/ ↩︎
  3. siehe https://www.goslar.de/stadt-und-verwaltung/aktuelles/aktuelle-meldungen/miriam-cahn-sagt-teilnahme-an-der-kaiserringverleihung-ab ↩︎
  4. Weitere Informationen und CV finden sich auf http://nschotschi.de/ ↩︎
  5. https://vimeo.com/375393790 ↩︎
  6. Einblicke in Leben und Werk von Martina Kügler: http://www.martina-kuegler.de/Inhalt.html sowie Publikation „Martina Kügler – Zeichnungen, Malerei, Collagen, Gedichte“. Hg. v. Freundeskreis Martina Kügler: Axel Dielmann Verlag, Frankfurt am Main, 2021. Von Teresa Jungwirth erschien 2024 eine wissenschaftliche Abhandlung mit dem Titel Geschlechtlichkeit in den Zeichnungen Martina Küglers. ↩︎
  7. Viele Künstler:innen verhandelten das Sujet „Junggesellenmaschinen“, bspw. seit 1913 Marcel Duchamp („Großes Glas“ 1925), 1914/19 Franz Kafka („In der Strafkolonie“), 1954 Michel Carrouges, Gilles Deleuze, Lacan und in den Achtzigern natürlich Jean Baudrillard. ↩︎
  8. Den Freundeskreis mit Nachlasskonvolut Martina Kügler vertritt offiziell Sammler Hans-Jürgen Döpp  www.martina-kuegler.de/biographie.html ↩︎

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