Unter EVERYTHING_NEW läuft die kommende Ausstellungseröffnung von Elisabeth Jahrmärker: neues Studio, neue Werke – ein neuer Ort für Begegnungen in Berlin. Da die Künstlerin sowohl Kollaborationen als auch den Austausch mit Kolleg:innen und Sammler:innen in persönlicher Atmosphäre schätzt, werden wir wohl noch einiges aus der vierten Etage der Storkower Straße 115 hören. Im Preview-Gespräch darf ich von ihren Werken, aber auch darüber hinausgehend wunderbaren Ideen hören. Los geht’s am Samstag, den 2. März, 14 bis 20 Uhr. (Jana Noritsch)

Malerei, abstrakte Fotografie, Installation und Arbeiten auf Papier interagieren in Jahrmärkers Portfolio und der kommenden Ausstellung miteinander. Auf mit roher Leinwand oder mit Bauplanen bespannten Hochformaten empfangen Elisabeth Jahrmärkers schroff-duktile Strukturen, die sich doch zumeist sinnlich mit den Auslassungen im jeweiligen Bildwerk zu verweben scheinen, die Betrachter. Freiheit wird fühlbar wie ein losgelöster Tanz von Zart- und Derbheit, von Miteinander und Abgrenzung, von lebendiger Aufregung und zugleich freundlicher Beruhigung. Ob Pastellkreide, Acryl oder malerei-ferne Materialien: sie werden von der Künstlerin nicht auf einen zuvor festgelegten Bildraum begrenzt. Der Werkprozess beginnt auf nicht aufgespannter Leinwand, das Bild entwickelt sich und erst danach wird die bearbeitete Leinwand auf einen maßgefertigten Rahmen gezogen.

Jahrmärkers Werke tragen spürbar ihre Handschrift, der Umgang mit der Leinwand, die Palette, immer das Hochformat, der Duktus bzw. bei der Fotografie die Ästhetik – und als ein alle verbindendes Element ist beispielsweise eine horizontale Linie auszumachen. Diese Linie visualisiert sich mal als ein kontrastierender Strich, mal als ein Leinwanddetail, das beispielsweise über den Rahmen hinaus geht, oder wird geradezu plastisch und greift in den Raum. Zuweilen findet sich die Linie sehr deutlich, ein anderes Mal ist sie ganz unscheinbar … Das Innehalten. Das Festhalten?
Für Elisabeth Jahrmärker ist sie die Linie der Wahrhaftigkeit.

Wir sprechen über Baustellen, jene Räume, in denen sich etwas entwickelt, aus Sand und Wasser werden Häuser. Behausungen, die uns Menschen schützen, könnte man im archaischen Sinne denken, aber nein, wir Menschen im 21. Jahrhundert leben vertikalverdichtet, immer höher hinaus. „Mich faszinieren Hochhäuser und Wolkenkratzer – sie zeigen uns, wie klein wir sind und verdeutlichen zugleich, dass wir Menschen eben fähig sind, solche Skyscraper zu bauen.“
Sand und Wasser und andere Materialien werden während des Bauprozesses von Bauzäunen und Planen umschlossen. Durch diese verfolgt Elisabeth Jahrmärker das Geschehen. Wie sich Wasser und Sand (und Zement) zu starkem Beton verbinden. Auch hier Beruhigung: Darüber, so die Künstlerin, dass „alles im Wandel ist, dass alles möglich ist“. So verwendet sie (neben klassischen Mitteln und Techniken) nicht nur jene Baumaterialien, sondern vielmehr sind Bauen, Architektur und Baumaterialien auch ihre grundlegenden Sujets.

Rohes, Ehrliches, Risse und Brüche findet Jahrmärker beim Blick durch das starre Baugerüst, bevor eine ‚cleane‘ Fassade alles verbergen wird. Sie entnimmt dem Geschehen das Grafisch-Abstrakte für ihre Fotografie – und zugleich erfreut sich ihr malerisches Auge an der sich im Wind bewegenden Bauplane, an allem Noch-Unperfekten: „Jeder Mensch ist ein eigener Raum – aber ist er offen oder verschlossen? Wir alle sind auch Baustellen. Zu oft achten die Menschen auf ihre Fassade, bleiben an der Oberfläche. Also frage ich mich: Wie begegnen wir einander? Was wollen wir sehen? Denn erst die Schwachstellen verschaffen dem Gegenüber Einblicke …“

Bereits in jungen Jahren gibt es ein initiales Erlebnis, das Jahrmärker für das Kunstschaffen aufschließt; jahrelange besucht sie eine private Malschule und später probiert sie sich in sämtlichen Techniken in der Kunstwerkstatt der britischen Schule, die sie während des Abiturs besucht. Die Kunsthochschule Berlin-Weißensee nimmt sie sofort auf; 2008/2009 studiert sie in Paris an der EnsAD.

Meine Empfehlung ist, schauen Sie selbst und nehmen die Einladung zum Atelierbesuch wahr.
Zusatz: In der Podcast-Folge #11 des Kaiser-Friedrich-Museumsvereins „Alte Meister im Ohr“ sprechen Elisabeth Jahrmärker und Michael Krieger nicht nur über ein Werk von Giovanna Garzoni, sondern auch über Jahrmärkers Arbeit: https://altemeisterimohr.podigee.io/11-garzoni
Studio Visit Elisabeth Jahrmärker am 2. März 2024 von 14 – 20 Uhr
Storkower Straße 115, 10407 Berlin
www.elisabeth-jahrmaerker.de

Abbildungen © Elisabeth Jahrmärker
Text Jana Noritsch Bureau verso, Zitate von Elisabeth Jahrmärker

Leider bin ich verreist. Aber schöne Grüße an Elisabeth! von Anemone Vostell
BAM! Berlin Art Management +49 171 490 5117 mail@anemone-vostell.com
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